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Basel 2 – Chance für klein- und mittelständische Unternehmen?

Basel 2, die 2006 in Kraft tretende Richtlinie für die Kreditvergabe, kann zu einer Chance werden, die Zukunftsfähigkeit Ihres Unternehmens zu verbessern.
„…die Banken verschanzen sich hinter Basel 2; der Mittelstand geht Pleite, neue Ideen haben so gut wie keine Finanzierungschance“, so Chefredakteurin Gabriele Fischer in der September-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins brandeins.

Und in der Tat: Basel 2, die 2006 in Kraft tretende Richtlinie für die Kreditvergabe, verabschiedet von der Basler Bankenaufsicht , verlangt Unternehmen Einiges ab. Vor allem klein- und mittelständische Unternehmen sind gefährdet, wenn sie sich nicht rechtzeitig – und das heißt jetzt! – auf die Herausforderung vorbereiten. Dann allerdings kann Basel 2 zu einer Chance werden, die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens zu verbessern.


Von AAA bis D

Dreh- und Angelpunkt von Basel 2 ist das so genannte Rating. Ziel eines Rating ist es, die Wahrscheinlichkeit – und die Konsequenzen – eines Kreditausfalls einzuschätzen. Dabei werden Kreditnehmer in eine Risikogruppe eingestuft. Für die Bank wirkt sich das Ergebnis des Rating auf die Höhe des Eigenkapitals aus, das für den Kredit seitens der Bank vorgehalten werden muss. Je geringer das Risiko eingeschätzt wird, desto weniger Eigenkapital muss die Bank als Kreditgeber vorhalten – Vorteile, die an den Kreditnehmer weitergegeben werden können. Für ihn kann ein gutes Rating folglich einen höheren Kreditrahmen zu günstigeren Zinskonditionen bedeuten.

Doch wie kann die Wahrscheinlichkeit eines Kreditausfalls eingeschätzt werden? Sicherlich spielen die Kredithistorie und die Vergangenheitszahlen eines Unternehmens, wie z. B. der wirtschaftliche oder steuerliche Jahresabschluss, dabei eine Rolle. Doch liefert allein der nach rückwärts gerichtete Blick noch keine verlässliche Entscheidungsgrundlage. Denn letztlich geht es darum, die Zukunftsfähigkeit und die zukünftige Entwicklung eines Unternehmens zu beurteilen. Dabei werden insgesamt vier primäre Determinanten kritisch in den Blick genommen:

  • Ertragslage
  • Risiken des Unternehmens
  • Finanzstruktur (Risikodeckungspotenzial)
  • Transparenz und Glaubwürdigkeit

Betrachtet wird die Zukunftsentwicklung auf Grundlage unternehmerischer Planungsrechnungen und verschiedener qualitativer, „weicher“ Kriterien, wie z. B. „Managementqualität“, „Mitarbeiterqualifikation“, „Innovationsfähigkeit“ und „Leistungsfähigkeit“. Typische Fragen können sein:

  • „Welche Entwicklung bezüglich der zukünftigen Substanz des Unternehmens / des zukünftigen Cash Flow“ lässt die Planung erwarten?“
  • “Erfüllt das Management die Voraussetzungen, die in der Planung dargestellten Zahlen zu erfüllen?“
  • “Wie werden sich Absatz- und Beschaffungsmärkte sowie die Wettbewerbssituation verändern?“
  • „Wie ist die Struktur und Stabilität des Managements?“
  • „Hat das Unternehmen das Risiko des Ausfalls von Schlüsselpersonen? Schlüsselpersonen im Unternehmen sind dabei die Mitarbeiter, die aufgrund ihrer Erfahrung, ihres Know-hows oder aufgrund eigener Kontakte bestimmte wichtige Prozesse oder Tätigkeiten im Unternehmen steuern?“
  • „Wie ist die Nachfolge geregelt?“
  • „Sind besondere Fähigkeiten bzw. Kompetenzen, die das Unternehmen in die Lage versetzen, bestimmte

Wertschöpfungsaktivitäten besser zu machen als andere oder Wettbewerbsvorteile aufzubauen, langfristig bedroht?“ Betrachtet man diese so genannten weichen Faktoren, wird deutlich dass ein Rating keineswegs eine rein sachlich objektive Angelegenheit ist. Sein Ergebnis wird nicht nur beeinflusst von tatsächlichen Gegebenheiten, d. h. den harten Zahlen und Fakten, sondern auch von der Art und Weise der Informationsbereitstellung, von Datenqualität und Datenaktualität – kurz von der Glaubwürdigkeit eines Unternehmens sowie seiner Fähigkeit, sich und seine Erfolgspotenziale angemessen darzustellen.


Eine Zeit des Umbruchs für den Mittelstand

Und genau hier liegen die Risiken für traditionelle klein- und mittelständische Unternehmen und die Notwendigkeit, sich bereits jetzt – knapp zwei Jahre vor Inkrafttreten der neuen Kreditvergaberichtlinie – auf Basel 2 vorzubereiten.

Denn viele Unternehmen sind heute noch nicht in der Lage fundierte Planungsrechnungen anzustellen, strategische Erfolgspotenziale zu identifizieren und zu fördern, mögliche Risiken zu erkennen und ihnen zu begegnen – geschweige denn all dies zu dokumentieren und überzeugend zu präsentieren. Es geht bei Basel 2 nicht zuletzt um die Informationsqualität im eigenen Unternehmen: Nur die Daten und Prognosen eines Unternehmens, die auch extern nachvollzogen werden können, werden den entscheidenden Vorteil bei der Kreditvergabe durch die Hausbank bringen. Doch einen entsprechenden Informationsfluss im Unternehmen aufzubauen, interne Prozesse zu modifizieren und zu dokumentieren, braucht Zeit.

Es gilt also früh zu agieren, anstatt (zu) spät zu reagieren. Es empfiehlt sich eine Stärken-Schwächen-Analyse des Unternehmens durchzuführen, um rechtzeitig mögliche Problemfelder zu erkennen, die ein Rating, neben den eigentlichen Finanzkennzahlen, negativ beeinflussen können. Dazu können gehören:

  • eine wenig fokussierte, nicht dokumentierte Unternehmensstrategie
  • fehlende Controlling- und Planungsinstrumente
  • ineffiziente Arbeitsprozesse
  • unklare Kompetenzregelungen (Aufbauorganisation)
  • mangelnde Dokumentation des Unternehmens-Know-hows
  • fehlendes, schlecht dokumentiertes Wissen um und über Kunden
  • mangelnde Qualifikation der Mitarbeiter (zielgerichtete Personalentwicklung)

Allesamt Parameter, die langfristig den Erfolg und damit die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens gefährden können – unabhängig von einer notwendigen Kreditnahme in Zeiten von Basel 2. Und auch wenn das Unternehmen in diesen Bereichen Stärken aufweist, heißt es handeln. Denn dies sind potenzielle Erfolgsfaktoren, die bereits jetzt und über einen längeren Zeitraum in schriftlicher Form festgehalten werden sollten, um sich dann zu gegebener Zeit als Trumpf im Rating erweisen zu können.


Eine Frage der Struktur

Im Zentrum der Betrachtungen steht im Grunde genommen die Strukturfrage. Doch wie ist es um die Strukturen in vielen klein- und mittelständischen Unternehmen bestellt? In vielen Unternehmen finden sich traditionell gewachsene Strukturen, deren Zeitgemäßheit und Effizienz kaum hinterfragt werden: „Haben wir schon immer so gemacht.“ Arbeitsprozesse sind kaum standardisiert und in den wenigsten Fällen dokumentiert – mit allen Folgen von Ineffizienz bis Know-how-Verlust beim Weggang von Mitarbeitern. Geführt werden viele klein- und mittelständische Unternehmen von starken Unternehmerpersönlichkeiten, die weniger auf der Basis von konsolidierten und darstellbaren Daten Entscheidungen treffen als auf der Basis von Erfahrungswissen und Intuition – und dies in vielen Fällen durchaus mit Erfolg. Doch was, wenn der Unternehmer plötzlich ausfällt? Oder die Nachfolge geregelt werden muss? Wie emanzipiert ist das Unternehmen als Organisation von der Person des Unternehmers?

Eine gute Vorbereitung auf Basel 2 darf nun aber nicht dazu führen, ein Unternehmen zu verbürokratisieren. Die aus den Anfangszeiten der ISO 9001 noch schmerzlich in Erinnerung gebliebenen Formularfluten sind sicherlich keine angemessene Antwort. Es geht vielmehr darum, im Unternehmen die Felder „Strategie und Management“, „Organisation und Prozesse“, „Mitarbeiter“ sowie „Produkt und Markt“ kritisch zu beleuchten. Zeigen sich Schwächen, sollten diese beseitigt werden – und zwar durch Maßnahmen, die dem Unternehmen und dessen Umfeld angemessen sind. Dafür kann es kein Patentrezept geben, sondern lediglich unternehmensindividuelle Lösungen.

Allzu oft aber fehlt in den Unternehmen selbst, die kritische Distanz für eine unvoreingenommene Stärken-Schwächen-Analyse und der Blick für wirkungsvolle, oftmals nahe liegende Lösungen. Hier kann ein externer Berater helfen, der zum einen den analytischen „Blick von außen“ mitbringt, zum anderen aber auch bereit sein muss, sich auf das Unternehmen und seine Besonderheiten weit genug einzulassen, um das Unternehmen und seine Menschen angemessen zu beraten.

Die Anforderungen aus Basel 2 sollten beim Entwickeln von Verbesserungsmaßnahmen nicht im Vordergrund stehen – und hier den Blick für das Wesentliche verstellen -, sie müssen dies auch gar nicht. Vielmehr ist ein erfolgreich bestandenes Rating ein „Abfallprodukt“. Denn alle Maßnahmen, die ein Unternehmen insgesamt besser machen, dabei helfen Risiken zu minimieren, Ertrag zu steigern und Kosten zu sparen, erhöhen dessen Zukunftsfähigkeit und wirken sich damit auch positiv auf ein mögliches Rating aus. Basel 2 kommt lediglich der Verdienst zu, viele kleine- und mittelständische Unternehmer für diese Fragestellungen und die daraus resultieren Risiken für das Unternehmen zu sensibilisieren. Für diejenigen Unternehmen, die rechtzeitig die Initiative ergreifen, kann Basel 2 zur Chance werden.

Am Ende nochmals zu Gabriele Fischer von brandeins: „Mut braucht es. Den Willen zum Überleben. Und die Bereitschaft zu akzeptieren, was nicht mehr abzustreiten ist: dass nichts bleiben wird, wie es ist. Warum sollte es dann nicht besser werden?“


Gabriele Vollmar MA, Senior-Beraterin und stellvertretende Leiterin des Steinbeis Transferzentrums Wissensmanagement und Kommunikation